Travenbrück: Erneut Rotmilan von Windrad erschlagen

Ein außergewöhnliches Naturschauspiel war am letzten Wochenende über der Feldmark zwischen Groß-Niendorf und Tralau an der Kreisgrenze Segeberg-Stormarn zu beobachten. Am Freitag suchten insgesamt 18 wohl überwiegend auf dem Durchzug befindliche Rotmilane in diesem Bereich nach Nahrung. In dem Gebiet stehen die vier Tralauer Windkraftanlagen, die von den Vögeln regelmäßig passiert bzw. überflogen wurden.

Am Samstag suchte ein Anwohner, der die Rotmilane am Vortag beobachtet hatte, die Windkraftanlagen auf. Seine böse Vorahnung wurde bereits an der ersten kontrollierten Anlage traurige Wirklichkeit. Ein Rotmilan lag tot am Fuß des Turms.

Daraufhin wurde der NABU informiert, dessen Greifvogelexperte Dr. Hans Wirth sich selbst ein Bild vor Ort machte. Bei der Kollision waren dem Milan der Kopf und ein Teil des linken Flügels abgetrennt worden, aus den Wunden trat noch Körperflüssigkeit aus. Obwohl der Vogel frischtot war, konnten die fehlenden Körperteile trotz intensiver Suche nicht gefunden werden. Wahrscheinlich waren diese schon von anderen sich dort aufhaltenden Greifvögeln abtransportiert worden (während der Anwesenheit vor Ort 4 Rotmilane und 4 Mäusebussarde).

Greifvogelexperte Dr. Wirth mit dem von dem Windrad erschlagenen Rotmilan

Greifvogelexperte Dr. Wirth mit dem von dem Windrad erschlagenen Rotmilan

Bei dem Rotmilan handelte es sich um einen männlichen Altvogel, der seine Mauser fast abgeschlossen hatte. Die Schwanzfedern des frischen Gefieders sind in dieser Jahreszeit besonders intensiv rot gefärbt. Der Vogel hatte eine stattliche Spannweite von 1,58 m.

Nach 2009 ist dieses bereits der zweite Rotmilan, der an dieser Windkraftanlage (V 14081) zu Tode gekommen ist. 2012 waren bei der Ernte zudem bereits stark mumifizierte Reste von zwei weiteren Rotmilanen in diesem Windpark gefunden worden. Insgesamt sind bisher also mindestens vier Rotmilane an den Windkraftanlagen in Tralau umgekommen.

Nach dem Mäusebussard (233) ist der Rotmilan die Greifvogelart, die am häufigsten an Windkraftanlagen zu Tode kommt. In der von der staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg für Deutschland geführten Datenbank sind bisher 193 Todesfälle von Rotmilanen an Windkraftanlagen dokumentiert. Aus Schleswig-Holstein waren bisher lediglich 3 Kollisionsopfer gemeldet worden. Da es sich in Regel um Zufallsfunde handelt, ist von erheblich mehr Todesopfern auszugehen. Eine kürzlich vorgelegt Studie aus Brandenburg kam zu dem Ergebnis, dass jährlich zwischen 3 und 4 % des Gesamtbestandes dieses Bundeslandes an Windkraftanlagen verunglücken.

Der Rotmilan ist ein seltener Brutvogel Schleswig-Holsteins. Die landesweite Bestandsaufnahme 2011/2012 ergab einen Bestand von 130-150 Brutpaaren, davon ca. 15 im Kreis Stormarn und ca. 20 im Kreis Segeberg.

Bei einer weiteren Kontrolle am späten Sonntagnachmittag stellte Wirth in dem Gebiet mindestens 63 Rotmilane fest! Dabei handelt es sich vermutlich um die größte bisher festgestellte Ansammlung dieser Art in der Schleswig-Holsteinischen Kulturlandschaft. Über die Herkunft der Vögel kann nur spekuliert werden. Rotmilane leben außerhalb der Brutzeit gesellig. Es könnte sich um eine Ansammlung heimischer Vögel handeln, es könnten aber auch Vögel aus Schweden und Dänemark auf dem Weg in Winterquartier in Südwest-Europa sein. Bei der erneuten Kontrolle der Windkraftanlagen wurde glücklicherweise kein weiteres Todesopfer gefunden.

Wenn die in der Nachbarschaft geplanten zusätzlichen Windräder des „Windparks Groß Niendorf“ mit ihren 114m Rotoren bereits stehen würden, dann wäre die Wahrscheinlichkeit für solch traurige Funde natürlich umso größer.

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